Im Gespräch mit der estnischen Pianistin Tähe-Lee Liiv – “Ein Publikum, das mit mir die Musik atmen kann”
Author: Verena Stauffer
Publication: Ehrbar Saal Magazine
Description: Interview on musical communication, interpretation, and audience connection.
Ehrbare Künstler:innen Gespräche 2.4. TÄHE-LEE LIIV
Ehrbar Saal: „Für Ihren Klavierabend im Ehrbar Saal, im Januar 2025, haben Sie ein besonderes Programm ausgewählt, über das wir uns sehr freuen. Es besteht ausschließlich aus nordischen Komponisten. Fühlen Sie sich, weil Sie Estin sind, diesen Komponisten näher, als jenen aus Mitteleuropa?“
Tähe-Lee Liiv: „Ja, ich wollte etwas Besonderes für mein Konzert planen. Mein Lehrer hatte diese Idee ein nordisches Programm zusammenzustellen und ich war glücklich darüber. Natürlich wählte ich Stücke von Arvo Pärt, weil er ein estnischer Komponist ist, der weltweit bekannt ist. Auch denke ich, dass er seit vielen Jahren der meistgespielte lebende Komponist ist. Ich habe letztes Jahr eine CD mit all seinen Klavierwerken aufgenommen. Meine Verbindung zu seiner Musik ist groß.“
Ehrbar Saal: „Kennen Sie Arvo Pärt persönlich?“
Tähe-Lee Liiv: „Ja, ich habe ihn ein paar Mal getroffen, und ich besuchte einen Meisterkurs bei ihm. Als ich die CD aufnahm, bekam ich viele Einsichten und Empfehlungen seiner Frau, mit der ich in Kontakt stand. Sie hörte mir zu, wie ich spielte. Es war mir sehr wichtig, ihn in das Programm aufzunehmen und dem Publikum das zu zeigen. Einerseits werde ich eines seiner frühen Werke spielen, ,Partita‘ , und dann eines seiner späten. Es ist ein großer Kontrast, weil die Menschen normalerweise nicht so viel über seine frühen Klavierwerke wissen. Er ist hauptsächlich für seinen Tintinnabuli-Stil bekannt. (Anmerkung Redaktion: Das ist ein einfacher Stil, der von der mystischen Erfahrung Arvo Pärts mit dem Kirchgang geprägt ist und durch die Verwendung einer Melodie- und einer Dreiklangstimme, der Tintinnabuli-Stimme, gekennzeichnet ist). Und so denke ich, dass es etwas Besonderes ist, diese beiden Dinge auf der Bühne zusammenzubringen.“
Ehrbar Saal: „Ich wollte Sie nach dem späteren Stück fragen, es heißt ‚Die Heilung von Arinushka‘.“
Tähe-Lee Liiv: „Ja. Das ist eines der späteren Stilstücke und es ist eines der drei im Tintinnabuli-Stil. Es schafft eine sehr besondere Atmosphäre. Er schrieb es für seine Tochter Arina, die damals krank war. Es war also ein emotional wichtiges, emotional aufgeladenes Stück. Der erste Teil des Stückes ist in ‚moll‘ geschrieben, also symbolisiert es irgendwie die Krankheit, und im zweiten Teil geht es in ‚Dur‘ über, was die Heilung von Arinushka repräsentiert. Ja, es schafft einfach diese erstaunliche, einzigartige Atmosphäre. Das Stück hat nicht sehr viele Noten, aber ich denke, das Besondere daran ist, dass seine Musik sehr einfach sein kann, aber emotional und ausdrucksstark ist.“
Ehrbar Saal: „Im Ehrbar Saal haben wir seit letztem Jahr eine Art programmatischen Fokus für jede neue Saison. Für diese Saison wählten wir den Begriff ‚Mutter Natur‘. Was denken Sie, was die Natur vielleicht für Arvo Pärt oder für die nordischen Komponist:innen bedeutet, da die Natur in den nordischen Ländern sehr anders ist, als in Mitteleuropa … fühlen Sie die Natur in diesen Stücken?“
Tähe-Lee Liiv: „Ich fühle sie sehr und ich denke, speziell in Edvard Griegs Musik, dass er viel darüber gesprochen hat, ich meine, es gibt viele Schriften darüber, wie er von der norwegischen Natur inspiriert wurde. Wenn ich seine Musik spiele, denke ich an die Natur, obwohl die Natur in Estland und Norwegen ziemlich unterschiedlich ist, aber dennoch gibt es viele Ähnlichkeiten.“
Ehrbar Saal: „Kennen Sie auch nordische Komponistinnen?“
Tähe-Lee Liiv: „Ja, tatsächlich gibt es eine wunderbare estnische Komponistin namens Ester Mägi. Sie ist vor ein paar Jahren verstorben, aber sie wurde fast 100 Jahre alt. Ich habe eines ihrer Klavierkonzerte gespielt und war erst die dritte Person, die es zur Aufführung brachte. Sie schrieb es, als sie sehr jung war, vor etwa 70 Jahren.“
Ehrbar Saal: „Was halten Sie von dem Wort ‚Mutter Natur‘? Was bedeutet es für Sie? Besonders jetzt, da wir die Klimakrise erleben, wie empfinden Sie den Zustand der Natur in Estland? Denken Sie darüber nach, oder hat es keinen Einfluss auf Sie? Wie inspiriert Sie die Natur?“
Tähe-Lee Liiv: „Ja, ich denke, wenn ich dieses Programm spiele, bin ich sehr von der Natur inspiriert. Besonders auch bei den Sibelius-Stücken. Ich habe das Haus von Jean Sibelius besucht und den See gesehen, an dem es liegt. Ich war dort, wo er gearbeitet hat. Er war bekannt dafür, dass er seine Ruhe und völlige Stille brauchte und haben wollte, wenn er komponierte. Das ist definitiv etwas, worüber ich nachdenke, während ich seine Stücke interpretiere. Wenn Sie mich nach dem Wort ‚Mutter Natur‘ fragen, erinnert mich das in erster Linie an die estnische Natur. Estland hat sehr viel Natur als ‚Fläche‘, ich denke, über 60 Prozent bestehen aus Wald oder reiner Landschaft. In diesem Sinn hat die Natur eine große Bedeutung für mich. Ich fühle immer, dass ich auch wieder in sie zurückkehren muss, wenn ich zu lange in großen Städten bin. Auch weiß ich, dass ich nach Estland zurückkehren muss, um am Strand zu spazieren, weil ich sehr nah am Strand lebe. Für mich war das immer wichtig.“ „Musik ist für mich wie eine Sprache, wie eine Kommunikation mit anderen Menschen. Es ist eine einzigartige Art der Kommunikation, weil sie universell ist und gleichzeitig kann jeder seine eigenen Erfahrungen mit ihr machen.“
Ehrbar Saal: „Ist es gefährlich, wenn man in den estnischen Wald geht, gibt es dort Bären oder Ähnliches?“ Tähe-Lee Liiv: „Nicht wirklich, nein. Ich denke, in einigen Wäldern könnte es Wölfe geben, aber wenn man ein Feuer im Wald macht, haben sie normalerweise Angst davor und kommen nicht näher. Die einzige Gefahr wäre, sich zu verlaufen, wenn man zu tief in den Wald geht, weil die Wälder sehr groß sind. Das ist, denke ich, die größte Gefahr. Den Weg hinauszufinden, verstehen Sie?“
Ehrbar Saal: „Was bedeutet die Bühne für Sie? Einige Künstler:innen sagen, dass sie auf der Bühne völlig anders sind, manche sagen, dass sie auf der Bühne mehr sie selbst sind als anderswo.“
Tähe-Lee Liiv: „Gute Frage. Ich fühle mich am lebendigsten, wenn ich mein Programm auf der Bühne spiele. Natürlich genieße ich die Schönheit der Stücke auch, wenn ich allein im Übungsraum bin. Aber was die Aufführung und die Musik am lebendigsten macht, ist das Publikum, das mit mir die Musik atmen kann. Ich werde davon inspiriert und nehme die Atmosphäre auf. Manchmal improvisiere ich auch beim Spielen auf der Bühne, nicht mit den Noten, sondern mit der Phrasierung, oder ich mache etwas anders als zuvor. Das alles wird durch das Adrenalin und das Publikum inspiriert. Ich genieße es sehr, auf der Bühne zu sein.“
Ehrbar Saal: „Was bedeutet Musik im Allgemeinen für Sie und die Möglichkeit, Musikerin zu sein?“
Tähe-Lee Liiv: „Musik ist für mich wie eine Sprache, wie eine Kommunikation mit anderen Menschen. Es ist eine einzigartige Art der Kommunikation, weil sie universell ist und gleichzeitig kann jeder seine eigenen Erfahrungen mit ihr machen. Das liebe ich am meisten an der Musik, dass sie Menschen bewegen, sie zum Weinen oder Lachen bringen, sie glücklich oder traurig machen kann. Deshalb mache ich Musik, und deshalb spiele ich Klavier, weil ich diese Emotionen liebe und sie mit anderen teilen möchte.“
Ehrbar Saal: „Wir freuen uns sehr, Sie im Januar zu treffen und erwarten Ihr nordisches Konzert mit Spannung und großer Vorfreude.“ Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!
Source: https://www.musikquartier.at/pdf/programm-ehrbar-saal.pdf