Große Bögen an der langen Leine. Tähe-Lee Liiv im Kammermusiksaal
Author: Guido Krawinkel
Publication: General‑Anzeiger Bonn (Feuilleton / Kultur)
Description: Concert review highlighting Liiv’s virtuosity and stage presence.
Sie konnte es scheinbar nicht erwarten: Noch in den Auftrittsapplaus hinein hämmerte die estnische Pianistin Tähe-Lee Liiv die ersten Töne von Arvo Pärts Toccatina, dem ersten Satz seiner viersätzigen Partita op. 2. Scheinbar war sie mächtig geladen, was bei dem wie ein freitonaler Wutanfall klingenden Stück auch verständlich ist. Es stammt aus Pärts erster Schaffensphase, in der er verschiedene Stile durchwanderte, um dann schließlich seinen ,,Tintinnabuli-Stil" zu erfinden. Dafür lieferte Liiv mit den Variationen zur Gesundung von Arinuschka auch gleich ein Beispiel. Diese im Prinzip nur aus Tonleitern und Dreiklängen bestehende Musik ist eigentlich ziemlich simpel und doch - das zeigt Pärts Schaffen immer wieder - unendlich vielfältig. Liiv spielte diese fein gewobene Musik mit engelhafter Zartheit, sodass sie nicht weniger faszinierend wie die zwei folgenden Sonaten war.
Mit Ludwig van Beethovens e-Moll Sonate op. 90 und Franz Schuberts a-Moll Sonate (D 784) standen zwei gewichtige Werke im Zentrum von Liivs Konzert. Während sie bei Beethoven sehr stimmige Kontraste zwischen eher liedhaften und deutlich energischeren Passagen entwickelte und ebenso den sanglichen Charakter des zweiten Satzes wie auch dessen geradezu lakonisch anmutenden Schluss hervorhob, ließ Liiv bei Schubert die Musik an der langen Leine, schlug große Bögen und ließ der Musik mit großer innerer Ruhe genügend Zeit, sich zu entwickeln. Am Ende gab es noch eine sehr schön gestaltete Ballade g-Moll von Edvard Grieg, bei der - etwa mit der schön ausgespielten Chromatik des Themas - hörbare Detailarbeit geleistet, aber auch die virtuose Seite nicht vernachlässigt wurde. Fazit: rundum überzeugend, den Namen sollte man sich merken!